Golden-Rule-Anarchie

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Golden-Rule-Anarchie FAQ

Was ist Golden-Rule-Anarchie?

Mit Golden-Rule ist die folgende Regel gemeint:

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie allgemeines Gesetz werde.

Die Golden-Rule-Anarchie fordert dies nicht so sehr vom Einzelnen, sondern vor allem vom Staat. Die Begründung ist einfach: je mächtiger jemand ist, desto wichtiger ist, dass er sich an ethische Grundregeln hält. Deswegen ist die grundlegenste, wichtigste ethische Regel vor allem von der stärksten Organisation einzufordern - dem Staat.

Ist die Einstufung der Golden-Rule-Anarchie als anarchistisch berechtigt?

Der klassische Staat besitzt absolute Monopolrechte, insbesondere ein Gewaltmonopol. Dies wird jedoch genau durch die Goldene Regel verboten. Ein Staat, der sich daran hält, ist also in diesem Sinne kein Staat mehr.

Fasst man Anarchie enger, als Gesellschaft ohne Hierarchie oder Macht, würden einige Varianten der Golden-Rule-Anarchie nicht darunter fallen. Diese Art von enger Definition findet man aber nur bei denen, die spezielle Richtungen vertreten und das Label "Anarchie" für sich allein beanspruchen wollen. Sie mögen sich damit abfinden, dass andere Menschen andere Vorstellungen von Anarchie haben.

Was wird aus dem Staat?

Alles was die Golden-Rule-Anarchie vom Staat fordert, ist, sich selbst an die Goldene Regel zu binden, also sie als unabänderlichen Artikel in seine Verfassung einzufügen. Daraus ergibt sich ein Modell: Bindet sich der heutige Rechtsstaat an die Goldene Regel, erhalten wir eine neue Art von Institution - eine Organisation, die sich

1. sowohl nach den klassischen Rechtsstaatsprinzipien 1. als auch nach der Goldenen Regel richtet. Beim Rechtsstaat ist - im Gegensatz zum einfachen Bürger - klar, was er als allgemeines Gesetz wünscht. Es sind die Gesetze, die er selbst für andere festlegt. Dies vereinfacht seine Überprüfung ungemein.

So ergibt sich, dass der reformierte Staat keinerlei legale Monopolrechte mehr besitzt. Er kann jedoch durchaus auf einem Territorium sein faktisches Monopol behalten. Damit wäre er formal kein Staat mehr, faktisch bliebe er jedoch ein Staat. Für diesen neuen Organisationstyp verwende ich nach anarchistischer Tradition den Begriff Syndikat. (Vorsicht - andere Anarchisten verbinden mit "Syndikat" ganz andere Vorstellungen.)

Kann sich ein Syndikat gegen Verbrecher überhaupt noch wehren?

Auf jeden Fall. Der Kantsche Goldene Regel schränkt die Möglichkeiten der Abwehr von Verbrechen nur unwesentlich ein. Die Golden-Rule-Anarchie ermöglicht somit eine stabile Gesellschaft in dem Rahmen, in dem Stabilitaet als sinnvolles Ziel erscheint.

Zum einen gibt es die klassische Strategie "wie du mir, so ich dir". Jeder, der nach der Goldenen Regel handelt, kann sie wollen. Danach ist Bestrafung von Taten bis hin zu "Auge um Auge, Zahn um Zahn" problemlos möglich.

Aber auch Strafen, die höher sind als die Tat selbst, sind ohne weiteres möglich. Sogar ziemlich rabiate Selbstverteidigung ist möglich. Die Regel "bekämpfe den, der sich nicht nach der Goldenen Regel richtet, mit allen Mitteln" kann durchaus gewollt werden und ist daher mit der Goldenen Regel verträglich.

Das einzige Problem ist dabei, dass man damit anderen dieses Recht auch zubilligen muss. Dies ist allerdings prinzipiell kein Problem: Solange das, was der Staat selbst tut, gerecht ist, hat man dadurch nichts zu befürchten. Im Detail wird man jedoch durchaus an einigen Stellen einiges zu modifizieren haben, bis man ein Gleichgewicht gefunden hat zwischen dem, was man selbst an Rechten zur Verbrechensabwehr braucht, und dem, was man anderen an Rechten zubilligt.

Die Goldene Regel wirkt also nicht dadurch einschränkend, dass er konkrete Handlungen unmöglich macht. Er wirkt dadurch, dass er den anderen das Recht gibt, mit "wie du mir, so ich dir" zu reagieren. Ist die Handlung selbst gerecht, ist dies kein Problem. Ist sie ungerecht, will dies jedoch niemand.

Kann den ohne eindeutig festgelegte allgemein bindende Gesetze der Begriff "Verbrecher" überhaupt sinnvoll definiert werden?

Definition: Wer so handelt, dass aus seinen Handlungen ersichtlich ist, dass er die Goldene Regel verletzt, ist ein Verbrecher.

Wer sich heute schon an die Gesetze hält, ist nach dieser Definition kein Verbrecher. In die andere Richtung gilt das nicht: Wer zwar gegen Gesetze verstößt, aber sich dabei an die Goldene Regel hält, ist für den Golden-Rule-Anarchisten kein Verbrecher, sondern politischer Gefangener.

Kann sich dann nicht jeder Verbrecher, selbst ein Mörder, rausreden, er wolle ein Gesetz, nach dem seine Handlungen legal sind?

Kein Problem - dann hat er gegen eine Reaktion nach der Regel "Auge um Auge, Zahn um Zahn" ja nichts einzuwenden.

Auch dieses Beispiel zeigt, dass die Goldene Regel - aufgrund ihrer Allgemeinheit - das konkrete Handeln kaum eingeschränkt ist. Die einschränkende Kraft ist eine andere - dass man dafür anderen entsprechende Rechte geben muss.

Reform oder Revolution?

Welcher Weg wird vorgezogen: Reform oder Revolution?

Bereits aus der obigen Beschreibung des quasi-staatlichen Modells ergibt sich eine natürliche Reform-Strategie: Das Syndikat entwickelt sich aus dem Rechtsstaat, in dem alle Gesetze, die der Goldenen Regel widersprechen, reformiert werden.

Ob ein Gesetz der Goldenen Regel entspricht, stellt das Verfassungsgericht fest, die Reform der Gesetze führt das Parlament durch. Zu keinem Zeitpunkt werden die rechtsstaatlichen Prinzipien oder die Demokratie eingeschränkt oder gar abgeschafft. Der Prozess kann jederzeit gestoppt oder umgekehrt werden.

Dies bedeutet nicht, dass legale Reform mit dem Einverständnis der demokratischen Mehrheit der einzig mögliche Weg zur Golden-Rule-Anarchie ist. Die Alternative wäre jedoch - im Stirnerschen Sinne - besser mit "Empörung" zu bezeichnen als mit Revolution.

Ist die Golden-Rule-Anarchie eher rechts oder eher links?

Weder noch. Er bietet eine gemeinsame Grundlage für alle, die staatliche Gewalt ablehnen.

Verschiedene Syndikate könnten durchaus verschiedene Eigentumskonzepte realisieren, von rein privat-kapitalistischem Eigentum bis hin zu kommunistischer Eigentumslosigkeit.

Wieso sind die Aussagen so unbestimmt?

Weil es eine ziemlich große Bandbreite verschiedener Gesellschaftsmodelle gibt, die den Anforderungen der Golden-Rule-Anarchie genügen.

Es ist letztendlich immer eine Entscheidung der Menschen, welche Handlungsfreiheit sie für sich selbst wollen, und vor welchen Handlungen anderer sie geschützt werden wollen. Dies kann man nicht eindeutig vorhersagen.

Könnte man nicht trotzdem einige Modelle diskutieren?

Die Entwicklung und Diskussion verschiedener Gesellschaftsmodelle, die mit der Golden-Rule-Anarchie kompatibel sind, sollte ein wesentlicher Bestandteil der Theorie sein. Die Entscheidung des Marxismus, Sozialismus-Modelle faktisch nicht zu diskutieren, hat schließlich dazu geführt, daß sozialistische Revolutionen in totalitäre Diktaturen entarteten - ein Effekt, der aus der Betrachtung sozialistischer Modelle vorhersagbar gewesen wäre. Diesen Effekt sollte die Golden-Rule-Anarchie auf jeden Fall vermeiden.

Ein sehr wichtiges Modell haben wir bereits beschrieben - das Syndikat. Es ist ziemlich konservativ und gestattet eine langsame, allmähliche Reform des heutigen Rechtsstaates.

Die gewissermaßen entgegengesetze Variante kennt keinen Staat, sondern baut die Gesellschaft von unten, auf freiwillige Versprechen, auf - ein Netzwerk gegenseitiger Versprechen.

Auch bei der Behandlung des Eigentums kann man zwei extreme Modelle betrachten: den reinen Anarcho-Kapitalismus als auch das Extrem einer Gesellschaft ohne Eigentumsrechte, des Anarcho-Kommunismus.

Das Versprechens-Netzwerk

Dies ist eher die anarchistische Variante. Es gibt keine Gesetze. Die Grundidee der gesellschaftlichen Kontrolle ist die Schufa. In einer öffentlich zugänglichen Datenbank speichert jeder auf freiwilliger Grundlage Versprechen, die dafür zuständige Gerichtsinstanz und die Strafe bei Bruch des Versprechens.

Welche Beziehungen man zu anderen aufnimmt, hängt von deren Versprechen ab. Je schärfer die Versprechen, je neutraler die Richter und je härter die Strafe ist, desto größer ist das sich daraus ergebende Vertrauen.

Niemand wird irgendjemandem vertrauen, der nicht wenigstens die Einhaltung von Minimalgarantien verspricht. Dies ergibt einen durchaus starken Zwang, solche Minimalversprechen zu geben.

Der Anarcho-Kapitalismus

Die klassische Marktwirtschaft ist, was Vertragsfreiheit betrifft, kompatibel mit der Golden-Rule-Anarchie.

Die kritische Frage ist hierbei jedoch das Eigentum. Im Prinzip könnte man Eigentum als einen Verstoss gegen die Goldene Regel auffassen: ich darf auf mein Eigentum zugreifen, die anderen nicht. In dieser Form ist es aber, weil es sich auf ein konkretes Eigentum bezieht, nicht hinreichend allgemein. Im allgemeinen Eigentumsbegriff, bei dem jeder sein Eigentum besitzt, tritt dies nicht mehr auf.

Der Anarcho-Kommunismus

Trotzdem besteht kein Zwang, Eigentum an allem möglichen einzuführen. Wenn es z.B. für Luft, Gedanken, Ozeane usw. kein Eigentum gibt, so mag das nach der reinen Lehre negative ökonomische Folgen haben, verstößt aber nicht gegen den Anarcho-Kapitalismus.

Ausschließliches Staatseigentum würde hingegen gegen die Goldene Regel verstoßen. Wenn Privatpersonen keine Luft oder Gedanken besitzen dürfen, besitzt das Syndikat auch keine.

Die Beispiele Luft/Gedanken habe ich hier deshalb gewählt, um zu zeigen, dass auf gewissen Gebieten Eigentumslosigkeit durchaus eine wichtige, rationale Alternative ist. In der realen Welt wird eine Golden-Rule-Anarchie vermutlich deutlich stärker marktwirtschaftlich als kommunistisch sein. Dies ist allerdings nicht Wunschtraum des Autors, sondern seine Einschätzung der Realität.

Warum keine bessere deutsche Bezeichnung?

"Goldene-Regel-Anarchie" klingt irgendwie noch blöder.

Ansonsten, eine neue Bezeichnung mußte sein, da sich das Konzept nach meiner Meinung nicht eindeutig einer existierenden Richtung zuordnen läßt. Ich wollte außerdem eine Bezeichnung, aus der möglichst sofort der Grundgedanke hervorgeht. Die Bezeichung "Goldene Regel" hat gegenüber dem Kantschen "kategorischen Imperativ" zwei Vorteile: erstens ist sie im Englischen üblich, zweitens entspricht die deutsche Bezeichnung "kategorischer Imperativ" gar nicht genau der Kantschen Definition des Begriffs.